Henry Wanyoike: Kikuyus Lauf der Hoffnung

29. November 2021
Henry Wanyoike Blinde Läufer*innen
Über Nacht erblindet der 20-jährige Henry Wanyoike. Sein Traum, einmal Profiläufer zu werden, scheint geplatzt – bis er neue Hoffnung findet. Heute ist Wanyoike Weltrekordhalter und Goldmedaillengewinner. Und er ist Entwicklungshelfer: für die Ärmsten und Schwächsten seiner Heimatstadt Kikuyu, Kenia. Ein Porträt über Angst, Talent und viel Kraft.

Inhaltsverzeichnis


Henry Wanyoike sitzt in seinem Büro, als das Telefon von Paul klingelt. Dreimal tutet das Freizeichen an unserem Ohr. Dann hebt Paul ab. „Hi“, sagt er. Die beiden arbeiten gerade gemeinsam an einem Projekt in ihrem Heimatland Kenia. Jetzt aber sei ein guter Zeitpunkt für eine Pause, es ist 11.00 Uhr, sagt er. Paul reicht sein Telefon weiter – an Henry.

In Kenia ist Henry Wanyoike ein echter Star. Als Weltrekordhalter und mehrfacher Goldmedaillengewinner ist er Vorbild Tausender Läufer*innen seines Heimatlandes. In Europa hingegen kennen ihn nur echte Laufexpert*innen. Hier läuft Wanyoike die meiste Zeit unter dem Radar. Für einen Weltrekordläufer ist das ungewöhnlich.

Dennoch: Auch hierzulande fällt Wanyoike immer wieder den Zuschauern auf. „Ich merke, wie viele Menschen mir extra laut zujubeln. Das macht mich stolz und motiviert mich unglaublich“, erzählt er. Auch das ist ungewöhnlich. Denn ganz vorne im Feld läuft Wanyoike meist nicht. Die vielen anderen Läufer*innen und Fans bewundern ihn dennoch. Denn Henry Wanyoike ist blind – und trotzdem so schnell wie nur die wenigsten Menschen auf der Welt.


„Ich bin glücklich und stolz auf das, was ich erreicht habe“, sagt der Weltklasseathlet. „Ich wollte Kenia auf die Sport-Landkarte setzen.“ Das hat Wanyoike geschafft. Bereits 2000 in Sydney. Über Nacht machte ihn sein Erfolg zum kenianischen Volkshelden. Daran geglaubt hatte Wanyoike zwischenzeitlich jedoch nicht.

Blind über Nacht

Als er 20 Jahre alt war, erblindete der sportliche Teenager. Einen Monat zuvor hatte Wanyoike einen Schlaganfall erlitten. Um sein Leben zu retten, gaben die Ärzte ihm Medikamente. Der Körper schien sich zu erholen – bis er am Morgen des 1. Mai 1995 plötzlich nichts mehr sah. „Ich bin am Abend als gesunder Mensch ins Bett gegangen und habe dann über Nacht 95 % meiner Sehstärke verloren“, erzählt er. „Ich dachte, ich träume.“

Wanyoike kam in die Augenklinik von Kikuyu, der Heimatstadt des Läufers. Dort sagten ihm die Ärzte, dass sie sein Augenlicht nicht mehr retten könnten. Der damals 20-Jährige wurde depressiv. „Ich hatte Angst, auf der Straße betteln zu müssen“, erinnert er sich. Als Kind sah er, wie Menschen mit Behinderungen von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden und verarmten. „Diese Gedanken waren so schmerzhaft, dass ich nicht wusste, wie mein Leben weitergehen sollte.“
Drei Jahre lang suchte Wanyoike nach Antworten. Eines Tages professioneller Läufer werden zu können – daran verlor er zu dieser Zeit keinen Gedanken. Dass er Talent hatte, war jedoch unbestritten.
"Mein einziges Training war also der Weg zur Schule und zurück nach Hause"
Als Kind und Jugendlicher galt Wanyoike als einer der schnellsten Läufer seiner Region. Richtig trainieren konnte er damals allerdings nicht. „Meine Mutter war nicht überzeugt davon, dass ich professioneller Läufer werde“, erzählt Wanyoike. Stattdessen wollte die Mutter, eine ehemalige Lehrerin, dass Henry zur Schule geht, nachmittags die Hausaufgaben macht und der Familie hilft. „Mein einziges Training war also der Weg zur Schule und zurück nach Hause.“ Wanyoike lacht – und ergänzt: „Also bin ich immer beide Strecken gelaufen.“ Die Schule schloss Wanyoike später erfolgreich ab, absolvierte dann eine Ausbildung zum Schuhmacher. Lange arbeiten konnte er in diesem Beruf allerdings nicht. Nur ein Jahr später folgte der Schicksalsschlag.

1998 lernte die ehemalige Laufhoffnung Kenias schließlich Petra Verweyen kennen, eine Mitarbeiterin der Christoffel-Blindenmission. Sie ermöglichte ihm, an einem Rehabilitationszentrum aufgenommen zu werden. „Auch dank Petra habe ich begonnen, mein neues Ich ganz, ganz langsam zu akzeptieren“, erzählt Wanyoike.

„Ich hatte Sorge, mich zu verletzen“

Dort, im Zentrum, war Wanyoike der Jüngste. Die Menschen um ihn herum unterstützten den jungen Mann, wo sie nur konnten – und brachten ihn zurück zum Laufen. „Allerdings“, erinnert er sich, „lief es in den ersten Wochen überhaupt nicht gut.“ Obwohl er einen Begleiter hatte, fiel Wanyoike andauernd hin. Seine Knie waren blutig, die Angst groß. „Statt richtig zu laufen, habe ich mir Sorgen gemacht, mich zu verletzen.“ Es dauerte Monate, bis Wanyoike lernte, mit seinem Begleiter, dem Guide, richtig zu laufen.

„Ohne einen Guide wären wir verloren“, sagt der blinde Weltklasseläufer Henry Wanyoike

Als das dann klappte, lief es für Wanyoike richtig gut. 1999 gewann er seinen ersten Para-Lauf in Kenia. Die Trophäe besitzt er noch heute. „Der Sieg hat mir gezeigt, dass ich es schaffen kann, professionell zu laufen und Medaillen zu gewinnen.“ Der Traum von Gold erfüllte sich schließlich ein Jahr später in Sydney.

In Kenia hatte sich Wanyoike zuvor – es war der gleiche Para-Lauf wie 1999 – für die Paralympischen Spiele in Australien qualifiziert. „Ich konnte mein Land bei der größten und wichtigsten Sportveranstaltung der Welt vertreten“, sagt Wanyoike. Ein Ziel, das er bereits hatte, als er noch sehen konnte.

2000 ging es also mit dem Flugzeug von Kenia in die australische Metropole. Die Reise selbst zu bezahlen, wäre für Wanyoike nicht möglich gewesen. Stattdessen war er auf die Unterstützung des kenianischen Leichtathletikverbands angewiesen. Die gab es – jedoch keinen mit Wanyoike eingespielten Guide als Laufpartner.

In Sydney angekommen, stellten die Organisatoren Wanyoike einen Begleiter an die Seite. Die beiden liefen bis ins Finale – und sorgten dort für eine Sensation. Der zu dieser Zeit noch unbekannte Wanyoike dominierte gemeinsam mit seinem Guide den 5.000-Meter-Lauf. Wenige Meter vor dem Ziel jedoch konnte der Begleiter das Tempo nicht mehr mitgehen. Er begann zu straucheln. Wanyoike zog und schob daraufhin seinen Guide bis über die Ziellinie – und holte Gold. Die Zuschauer in Sydney trauten ihren Augen nicht, standen auf und feierten den blinden Läufer.

Während der Guide zu Boden sackte, tanzte und feierte Wanyoike auf der Tartanbahn. Das Video, das die letzten Meter dieses 5.000-Meter-Laufs zeigt, ging um die Welt. Damit fing Wanyoikes Karriere erst richtig an.

Weltrekord folgt auf Weltrekord

„Schon kurz nach den Paralympischen Spielen in Sydney hatte ich mir neue Ziele gesetzt“, erzählt der Läufer heute. Statt auf 5.000 Meter, fokussierte Wanyoike sich nun auf 10.000-Meter-, Halbmarathon- und Marathon-Distanzen. Erfolgreich.

2004 gewann er bei den Paralympischen Spielen in Athen mit zwei neuen Weltrekordzeiten Gold über 5.000 und 10.000 Meter. Im selben Jahr stellte er mit 1:10:26 Stunden den Weltrekord eines blinden Läufers im Halbmarathon auf. Ein Jahr später folgte in Hamburg mit 2:31:31 Stunden der Marathon-Weltrekord.
Ohne den richtigen Begleiter hätte Wanyoike diese Zeiten nicht laufen können. Der Guide nämlich sorgt dafür, dass der blinde Läufer durchs Feld findet, Hindernissen ausweichen kann und nicht von der Strecke abkommt. „Für mich ist der Guide wie eine Mama, die auf ihr Baby aufpasst“, erklärt Wanyoike.


Jahrelang wechselte er seinen Laufbegleiter ständig. Es gab Marathons, bei denen die Guides Wanyoikes Tempo nicht mitlaufen konnten. Etwa alle 15 Kilometer musste er deswegen seinen Guide tauschen. Manchmal auch aus kuriosen Gründen – wie beispielsweise in Japan Anfang der 2000er-Jahre.

Während des Marathons verletzte sich Wanyoikes Begleiter, riss sich eine Sehne. Kurzerhand entschied sich ein Zuschauer, Wanyoike zu führen. Der hielt das Tempo nicht durch und machte schlapp. Also reichte er den Weltklasseläufer weiter – an den nächsten Zuschauer, der bereitstand. Gemeinsam überquerten sie die Ziellinie. Als Sieger.

Seit ein paar Jahren ist nun Paul Wanyoike Henrys fester Guide. Obwohl die beiden denselben Nachnamen tragen, sind sie nicht verwandt. Paul ist mehr als einen Kopf größer als Henry und selbst ein Spitzenathlet. In Kikuyu trainiert Paul eine Laufgruppe. Dort lernten die beiden sich kennen.


„Paul ist mittlerweile viel mehr als mein Guide“, sagt Henry Wanyoike heute. „Er ist wie ein Bruder für mich.“ Paul nickt. Er sehe das auch so. Die beiden verbringen fast den ganzen Tag zusammen. Wenn sie nicht trainieren, hilft Paul Henry bei der Arbeit in seiner Stiftung.

Wanyoikes Kampf gegen Diskriminierung

Schon 2007 gründete Henry die Henry Wanyoike Foundation. Nach der Unterstützung durch die Christoffel-Blindenmission wollte er etwas zurückgeben. Mit seiner Stiftung unterstützt Wanyoike heute benachteiligte Kinder in seiner Heimatstadt Kikuyu und ganz Kenia.

Gerade für diese Kinder ist Wanyoike ein großes Vorbild, ein Volksheld zum Anfassen. Von seinen ersten Siegprämien kaufte er Strickmaschinen und stellte Menschen aus seinem Heimatland ein, die ebenfalls blind waren. Wanyoike zeigte ihnen, wie sie die Maschinen bedienen und Pullover stricken können. Die Hoffnung, die ihm das Rehabilitationszentrum Ende der 1990er-Jahre schenkte, gibt Wanyoike nun zurück.

Mit seiner Stiftung unterstützt er Kinder und Familien, die arm oder benachteiligt sind. Für sie hat er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern verschiedene Programme aufgelegt, die ihre Bildung, ihre Gesundheit oder ihren sozialen Status verbessern sollen. So vergeben sie Stipendien für Schulen, führen einen eigenen Kindergarten und machen aufmerksam auf die Benachteiligung von behinderten Menschen in Kenia.
"Mittlerweile ist Wanyoikes Run for Hope eine der größten Sportevents Kenias"
„Menschen mit Behinderung werden hierzulande leider immer noch häufig diskriminiert“, sagt Wanyoike. Mit Aufklärungskampagnen kämpft seine Stiftung dagegen an. Den beeinträchtigten Menschen und Familien finanziert die Stiftung Mobilitätshilfen.

Landesweit bekannt ist allerdings ein anderes Wanyoike-Projekt: Seit 14 Jahren findet jedes Jahr der Run for Hope statt. Tausende Kinder und Eltern kommen extra für diesen Lauf nach Kikuyu. Mittlerweile ist der Run for Hope eine der größten Sportveranstaltungen des Landes. Auch Wanyoikes Sohn steht dann an der Startlinie – obwohl er nur gelegentlich die Laufschuhe schnürt.

Der Laufstar aus Kikuyu hat vier Söhne. Sie und seine Frau unterstützen ihn, wo es nur geht – nicht nur in der Stiftung, sondern auch zu Hause. Dort leben sie gemeinsam auf einer kleinen Farm. „Wir sind hauptsächlich Selbstversorger“, sagt Wanyoike. Mit seiner Frau oder den Kindern füttert er die Kühe und mistet Ställe aus. Ihre Hilfe braucht er, ganz allein funktioniert es nicht.
Das gilt auch noch immer für die vielen Wettkämpfe, bei denen Wanyoike mit seinem Guide Paul startet. Flüge, Reisen und Unterkünfte ließen sich mit den Prämien allein nicht bezahlen, erklärt er. Obwohl er auch mit 47 Jahren noch immer Fabelzeiten läuft, stehen die sehenden Topstars im Mittelpunkt. „Hätten wir keine Freunde in Europa, die uns unterstützen“, sagt Wanyoike, „dann könnten wir nicht mehr auf den größten Strecken der Welt laufen.“ Denn blinde Läufer*innen reisen niemals allein. Immer an ihrer Seite: ihr Guide.

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