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„Eine Mama an deiner Seite“: Wie blinde Menschen einen Marathon laufen

29. Oktober 2021

Wenn blinde Menschen laufen, sind sie niemals allein. „Ohne einen Guide wären wir verloren“, sagt der blinde Weltklasseläufer Henry Wanyoike. Mit seinem langjährigen Trainer Paul hat der Para-Leichtathlet die Kommunikation beim Laufen perfektioniert. An einer dünnen Schnur starten die beiden bei den größten Marathons der Welt. Doch wie können blinde Menschen sich im Getümmel zwischen all den anderen Läufer*innen überhaupt orientieren? Die Antwort liegt im Rhythmus.

Inhaltsverzeichnis:

  1. Blinde Läufer*innen und ihre Guides: Sie brauchen den gleichen Rhythmus

  2. „Wenn er zieht, laufe ich nach rechts“: Wie blinde Menschen beim Laufen kommunizieren

  3. Wenn das Trinken die größte Herausforderung ist

Henry Wanyoike ist ein Ausnahmeathlet: mehrfacher Weltrekordhalter, Goldmedaillengewinner und gefragter Läufer in seinem Heimatland. Kein Wunder, schließlich schrieb er im Jahr 2000 kenianische Geschichte, als er in Sydney bei seinem Paralympics-Debüt auf Anhieb den 5.000-Meter-Lauf gewann. In der Para-Leichtathletik war dies eine Sensation. Er schleppte damals den Guide, der eigentlich ihn selbst steuern sollte, die letzten Meter über die Ziellinie. Während Henry nach seinem Sieg die Arme in die Höhe riss und noch auf der Tartanbahn drauflostanzte, klappte sein Begleiter zusammen. Doch wie konnte das überhaupt funktionieren?


„Der Guide ist wie eine Mama, die sich um ihr Baby kümmern muss“, sagt Henry Wanyoike. Wenn blinde Menschen laufen, dann können sie das nicht allein. Eng an ihrer Seite sind Laufbegleiter*innen, sogenannte Guides. Gemeinsam bilden sie ein Lauftandem. Bis sich jedoch die perfekten Lauftandems aus blinden Läufer*innen und ihren Guides gefunden haben, dauert es – manchmal auch mehrere Jahre. So wie bei Henry Wanyoike.

Blinde Läufer*innen und ihre Guides: Sie brauchen den gleichen Rhythmus

2005 stellte der Kenianer seine persönliche Marathon-Bestzeit auf. In Hamburg lief er damals 2:31:31 Stunden. Wanyoike war plötzlich der schnellste blinde Läufer der Welt – und brachte sich selbst in Schwierigkeiten.

Das Problem: Nur wenige Menschen sind überhaupt in der Lage, in zweieinhalb Stunden einen Marathon zu laufen, während sie einen blinden Menschen führen. Henry Wanyoike wusste sich zu helfen. Statt auf einen, setzte er auf mehrere Guides. Alle 12 bis 15 Kilometer wechselte er während eines Marathons seinen Laufbegleiter – bis er Paul traf.

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Henry lernte Paul in seiner Heimatstadt in Kenia kennen. Dort trainierte Paul eine Laufgruppe, in der auch Henry immer mal wieder mitlief. „Henry ist für mich nicht nur ein Freund, sondern fast schon ein Bruder“, sagt Paul Wanyoike. Auch wenn sie den gleichen Nachnamen tragen, verwandt sind die beiden Läufer nicht. Paul aber weiß, worauf er sich als Guide eingelassen hat.

"Als Guide bin ich derjenige, der einem Freund dabei helfen kann, seine Ziele zu erreichen"

Gewinnt ein blinder Läufer ein Rennen, dann steht in erster Linie eben dieser im Rampenlicht. Lange war dies auch bei Wettbewerben in der Para-Leichtathletik der Fall. Mittlerweile hat sich das geändert. Heute gewinnen auch die Begleitläufer*innen Medaillen und Pokale.

„Die ganze Aufmerksamkeit für blinde Läuferinnen und Läufer nimmt zu – das gilt auch für uns Guides“, sagt Paul. Das sei schön und eine Wertschätzung. Aber für Guides eben nicht alles. „Ich als Guide fühle mich vielmehr als derjenige, der einem Freund dabei helfen kann, seine Ziele zu erreichen“, sagt Paul und ergänzt: „Außerdem profitieren wir ja auch selbst ein bisschen davon, laufen die größten Marathons der Welt und halten uns fit.“ Paul lacht.

Man merkt schnell, dass die beiden zueinander passen. Die Zeiten auf den Strecken beweisen das – obwohl Paul über einen ganzen Kopf größer ist als Henry. „Es hat natürlich ein bisschen gedauert, bis wir uns aufeinander abgestimmt haben“, gibt Henry zu. Ein gewisses Maß an Urvertrauen muss ein blinder Läufer wohl ganz sicher in seinen Guide haben. Doch dabei geht es „eigentlich gar nicht so sehr ums Vertrauen an sich“, erklärt der Weltklasseläufer. „Wenn sich einer entscheidet, Guide für einen blinden Läufer zu werden, dann muss er wissen, dass er das vor allem für eine andere Person macht.“ Das sei entscheidend.

Wie wohl die meisten professionellen Guides weiß Paul das auch. Mit seiner Größe könnte er ganz andere, längere Schritte machen als Henry. Doch die beiden haben aus ihrem Lauf fast schon eine Choreografie geformt. „Es kommt auf den Rhythmus an“, sagt Henry. „Der ist wirklich unheimlich wichtig. Vor allem der Rhythmus unserer Hände.“

„Wenn er zieht, laufe ich nach rechts“: Wie blinde Menschen beim Laufen kommunizieren

Blinde Läufer*innen müssen sich auf ihren Kopf und ihr Gespür verlassen. „Laufen ist für mich nicht nur ein Training meines Körpers, sondern vor allem ein Training für meinen Kopf“, sagt Henry Wanyoike. Manchmal sei sein Kopf nach einem Marathon müder als seine Beine. „Die Herausforderung beim Laufen ist für mich, die ganze Zeit hochkonzentriert zu sein.“ Das klingt im ersten Moment überraschend, zeigt aber, wie fordernd Laufen für blinde Menschen sein kann.

Anders als sehende Menschen können blinde Läufer*innen Hindernisse, Kurven, Hügel oder Hänge nicht schon Hunderte Meter im Voraus entdecken. Für sie sind in solchen Momenten ihre Guides ihre Augen. „Paul und ich kommunizieren ständig, fast die ganze Zeit“, erklärt Henry, „ohne dabei wirklich viel zu reden.“

Eine kleine Schnur, ähnlich wie ein Schnürsenkel, verbindet die zwei Läufer. Bei Blindenläufen ist das ganz normal. Laufen blinde Menschen und ihre Guides öfter miteinander, haben sie ihre Abstimmung perfektioniert – so wie Henry und Paul. „Wenn Paul nicht mit mir redet, kann er mich mit der Schnur kontrollieren“, sagt Henry. „Wenn er an ihr zieht, laufe ich nach rechts.“ Drückt Paul mit seinem Ellenbogen Henry von sich weg, dann weiß Henry, dass er nach links laufen muss. Hebt der Guide seine Hand, wissen blinde Läufer*innen, dass sie ihr Bein heben müssen.

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Beim Start nehmen Guides ihre Läufer*innen an die Hand

Die Schnur sei wie eine Nabelschnur, sagt Henry. Manchmal muss diese allerdings durchtrennt werden. Häufig nämlich laufen blinde Läufer*innen mit ihren Guides in ganz normalen Wettbewerben mit. Auch Henry startet bei Marathons für gewöhnlich neben Menschen, die sehen können. Doch gerade am Start ist das ein Problem.

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Überpronation, Supination, Neutralläufer*in: Wir alle haben die Begriffe schon häufig gehört. Doch was bedeutet das für uns?

„Meistens bekommen maximal die Menschen neben uns mit, dass wir ein Lauftandem sind“, sagt Henry. Allerdings sind gerade die ersten Kilometer bei Marathons chaotisch. Wer nicht aufpasst, wird umgelaufen – oder rennt in die Fersen der anderen. „Das ist für Henry, aber auch für mich großer Stress“, sagt Laufbegleiter Paul. „Ich muss alles im Blick haben: nicht nur was um mich, sondern auch um Henry passiert.“

Die beiden haben daraus gelernt. Wie viele andere Lauftandems starten auch Henry und Paul bei Wettkämpfen am äußersten Rand. Dort sei der Widerstand am geringsten und die Ausweichmöglichkeiten am größten. Statt der Schnur greift Paul dann Henrys Hand. „Das Chaos am Start verunsichert mich“, gibt Henry zu. Die Gefahr zu stürzen, ist groß. Mit der Hand kann Paul seinen Laufpartner besser steuern.

Etwa zwei bis drei Kilometer laufen die beiden am Anfang Hand in Hand statt mit der Schnur. Dann hat sich das Getümmel aufgelöst. „Der Start ist sicher ein Hindernis“, sagt Henry. „Allein deswegen sind unsere Zeiten nicht vergleichbar mit denen, die sehende Menschen laufen können.“

Wenn das Trinken die größte Herausforderung ist

Zeit verlieren blinde Läufer*innen allerdings nicht nur beim Start. Vor allem das Trinken kostet wertvolle Sekunden – und löst bei blinden Läufer*innen und Guides gleichermaßen Stress aus. „Beim Laufen zu trinken, ist als blinder Mensch gar nicht so einfach“, sagt Henry und schmunzelt. „Wenn einer von uns Durst hat, sagen wir dem anderen Bescheid.“ Paul bereite Henry dann aufs Trinken vor.

Erreichen die beiden einen Wasserstand, verringert Paul als Guide das Tempo. Parallel konzentriert er sich darauf, ein Wasser für sich und ein Wasser für Henry zu greifen. Sobald Paul die Becher in der Hand hat, gibt er Henry ein Signal – und drückt ihm einen in die Hand. Das klappt allerdings nicht immer. Hin und wieder falle ein Becher dabei auf den Asphalt. Die beiden halten dann an – und Laufbegleiter Paul dreht um, um ein neues Wasser zu holen.

Der Guide studiert die Strecke

Dass Henry überhaupt weiß, wo der nächste Wasserstand ist, hat er auch Paul zu verdanken. Früher noch hätte er versucht, sich ein paar Tage vor dem Start die Strecke bei der Begehung einzuprägen. Heute mache er das nicht mehr. „Als blinder Läufer hat mir das nicht viel gebracht“, sagt er.

Stattdessen greift sich Guide Paul den Streckenplan und studiert Problemstellen. Das sind vor allem enge Kurven, Anstiege oder Gefälle. Gemeinsam gehen die beiden anschließend zum Briefing – besonders um zu erfahren, wo denn nun die Wasserstände an der Strecke sind. 

„Mein Kopf muss frei sein“, sagt Henry Wanyoike. Ihn strenge es mental an, die Strecke schon vor dem Laufen zu analysieren, dafür aber nicht die Orte zu kennen, an denen sie Wasser bekommen. Ist der Kopf aber frei, kann Henry das Publikum am Streckenrand genießen. Die Zuschauer geben ihm Kraft, sagt er. Nur in New York seien sie zu laut. „Dann“, erzählt Henry, „verliere ich die Konzentration. Und ich weiß nicht mehr, in welche Richtung ich laufe.“

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